Vom Segen der SägenNach fünf Ehejahren haben wir bisher nur ein echtes Streitthema, bei dem wir regelmäßig aneinander geraten: Meine Frau möchte einen Garten mit möglichst wenig großen alten Bäumen und pflanzt gern neu. Ich dagegen hänge an jedem alten Knorz, der sich noch irgendwie retten lässt. Manchmal helfen meiner Frau ein Sturm oder die Altersschwäche meiner Freunde aus dem Pfarrgarten nach. Als vor anderthalb Jahren eine 80jährige Robinie gefällt werden musste, war der Sinn des Ganzen für mich noch nicht erkennbar. Doch jetzt liegt dort ein dicker Stamm als uriger Kletterplatz für die Kinder. Und aus dem Stumpf daneben sprießen viele kleine Triebe. Man kann ihnen förmlich beim Wachsen zuschauen. Unser Nachbar, der "sehr gern im Grünen wohnt", und ich, wir freuen uns an dem großen Busch, der die Lücke wenn schon nicht schließt, dann doch immerhin auffüllt. In der Bibel gibt es die Metapher, dass Gott einen Baum umhaut, damit aus dem Stumpf etwas Neues sprießen kann. Jener kleine Rest wird zum "heiligen Wurzelstock". Wir dürfen dieses bio-theo-logische Wunder als Hoffnungszeichen übersetzen: dass ein Verlust auch noch sinnmachende Seiten hat, dass aus dem Abgesägten oder den Restbeständen sich wieder etwas entwickeln kann. Auch Psychotherapeutisch-seelsorgerlich gilt die Regel, dass ein Fehlschlag, eine Störung oder ein Versagen aufgearbeitet, akzeptiert und dann losgelassen werden muss, damit sich Neues entfalten kann - mitunter auf den Trümmern des Alten. Der Apostel Paulus sagt noch deutlicher: "Aber ich vergesse, was hinten ist, und strecke mich nach dem, was vorne ist..." Ich lese dies als Aufforderung zum "Ent-Sorgen", nicht oberflächlich nach dem Ex-und-hopp-Prinzip, sondern im Dialog mit Gott und deshalb mit nachhaltiger Perspektive. |